Wer aus London, Istanbul oder Mumbai nach Deutschland kommt, erlebt am ersten Sonntag oft eine Überraschung: Fast alle Geschäfte sind geschlossen. Die Sonntagsruhe steht sogar im Grundgesetz. Ausnahmen gibt es nur für Bäckereien, Tankstellen, Geschäfte in Bahnhöfen und an einigen „verkaufsoffenen Sonntagen“ im Jahr. Auch werktags sind die Öffnungszeiten je nach Bundesland unterschiedlich: In Bayern schließen die meisten Läden um zwanzig Uhr, in Berlin dürfen sie theoretisch rund um die Uhr öffnen. Ist diese Regelung noch zeitgemäß? Zwei Meinungen.
PRO Sonntagsöffnung – Kemal Demir, 38, Softwareentwickler:
„Ich arbeite oft bis neunzehn Uhr und habe zwei kleine Kinder. Unter der Woche schaffe ich es kaum in den Supermarkt, und samstags ist es dort total voll. Warum darf ich nicht am Sonntag in Ruhe einkaufen, wenn ich Zeit habe? In vielen anderen Ländern funktioniert das problemlos. Außerdem kaufen die Leute sonst einfach online ein, und die kleinen Geschäfte in der Innenstadt verlieren noch mehr Kunden. Niemand müsste am Sonntag arbeiten, der das nicht möchte – viele Studierende würden sich über gut bezahlte Sonntagsschichten freuen.“
CONTRA Sonntagsöffnung – Renate Schmidt, 54, Verkäuferin:
„Ich arbeite seit dreißig Jahren im Einzelhandel. Der Sonntag ist der einzige Tag, an dem meine ganze Familie gemeinsam Zeit hat. Wenn die Läden öffnen, ist das vorbei. Und glauben Sie mir: Freiwillig ist die Sonntagsarbeit nur am Anfang. Irgendwann heißt es vom Chef: Alle müssen mal ran. Ich finde, eine Gesellschaft braucht einen gemeinsamen Ruhetag – für Familie, Freunde, Sport oder Kirche. Es geht ja nicht nur um Läden. Wenn alle zur gleichen Zeit frei haben, können Vereine trainieren und Freunde sich treffen. Ein bisschen Planung reicht doch: Wer am Samstag einkauft, kommt auch am Sonntag gut zurecht.“
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