Als Lukas mit seiner Schulklasse die Gedenkstätte an der Bernauer Straße besuchen sollte, fragte er am Abend vorher seinen Großvater: „Opa, du hast doch damals in Ost-Berlin gelebt. Wie war das mit der Mauer?“ Der alte Mann legte die Zeitung weg und begann zu erzählen.
„Ich war zehn Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde. Das war am 13. August 1961, einem Sonntag. Am Abend vorher war die Grenze noch offen, und am Morgen standen plötzlich Soldaten und Stacheldraht mitten in der Stadt. Viele Menschen aus der DDR waren vorher in den Westen gegangen, weil sie dort freier leben wollten. Das wollte die Regierung verhindern.“
„Aus dem Stacheldraht wurde bald eine Mauer aus Beton“, erzählte der Großvater weiter. „Sie lief rund um West-Berlin, mehr als 150 Kilometer lang. Familien wurden getrennt. Meine Tante wohnte nur drei Straßen von uns entfernt, aber auf der anderen Seite. Fast dreißig Jahre lang konnten wir sie kaum besuchen. Wer versuchte, über die Mauer zu fliehen, riskierte sein Leben. Mindestens 140 Menschen sind an der Berliner Mauer gestorben.“
Lukas schwieg einen Moment. „Und wie ging sie wieder auf?“
Jetzt lächelte der Großvater. „Im Herbst 1989 gingen in der DDR immer mehr Menschen auf die Straße. Sie demonstrierten friedlich für Freiheit und Reisefreiheit. Am 9. November sagte ein Politiker in einer Pressekonferenz, dass die Bürger ab sofort reisen dürften. Eigentlich war das ein Missverständnis, aber noch am selben Abend liefen Tausende zu den Grenzübergängen. Die Soldaten wussten nicht, was sie tun sollten – und öffneten schließlich die Tore. Ich stand an der Bornholmer Straße, und fremde Menschen lagen sich weinend in den Armen.“
„Und dann?“ – „Dann ging alles sehr schnell. Am 3. Oktober 1990 wurde Deutschland wiedervereinigt. Seitdem ist dieser Tag ein Feiertag.“
Am nächsten Tag stand Lukas an der Gedenkstätte vor einem Stück der alten Mauer. Es war nicht besonders hoch. Trotzdem verstand er jetzt, wie viel diese graue Wand verändert hatte.