Bielefeld – Es ist Samstagmorgen, kurz nach acht Uhr. Während viele Menschen noch schlafen, sortiert Samir Haddad im Lager der Bielefelder Tafel Kisten mit Tomaten, Brot und Joghurt. Die Lebensmittel stammen von Supermärkten und Bäckereien, die sie sonst wegwerfen würden. Ab zehn Uhr werden sie an Menschen verteilt, die wenig Geld haben.
Samir kam vor sieben Jahren aus Syrien nach Deutschland. „Am Anfang haben mir viele Menschen geholfen, ohne etwas dafür zu verlangen“, erzählt der 34-jährige Elektriker. „Jetzt möchte ich etwas zurückgeben.“ Seit drei Jahren engagiert er sich jeden Samstag ehrenamtlich bei der Tafel. Nebenbei hat sich sein Deutsch enorm verbessert. „Hier rede ich mit allen möglichen Leuten – mit Rentnern, Studentinnen, Familien. Das lernt man in keinem Kurs.“
Samir ist kein Einzelfall. Millionen Menschen in Deutschland arbeiten in ihrer Freizeit freiwillig und ohne Bezahlung: als Trainer im Fußballverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr, als Lesepaten in Grundschulen oder in der Nachbarschaftshilfe. In vielen kleinen Orten gäbe es ohne Ehrenamtliche keine Feuerwehr und keinen Sportverein.
Trotzdem suchen viele Organisationen dringend Nachwuchs. „Die Leute haben weniger Zeit als früher und wollen sich nicht mehr für Jahre festlegen“, sagt Brigitte Vogel, die bei der Stadt Bielefeld das Ehrenamt koordiniert. Deshalb gibt es immer mehr Angebote, bei denen man nur ab und zu oder für ein einzelnes Projekt mithelfen kann.
Für Neuankömmlinge hat das Ehrenamt besondere Vorteile, erklärt Vogel: Man knüpft Kontakte, übt die Sprache und lernt den Alltag in Deutschland kennen. Manche finden darüber sogar einen Job. Wer sich engagieren möchte, findet Angebote bei Freiwilligenagenturen, die es in vielen Städten gibt.
Samir hat inzwischen weitere Pläne: Ab Herbst will er Jugendlichen in seinem Stadtteil zeigen, wie man kaputte Fahrräder repariert. „Zeit ist das Wertvollste, was man schenken kann“, sagt er und hebt die nächste Kiste auf den Tisch.